16 auf einem Dach und dicht am Abgrund (EZ, 06.02.2026)

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EMDEN. (gwo) Was passiert wohl, wenn 16 ganz unterschiedlich tickende Menschen auf einem Hochhausdach aufeinandertreffen? Im Fall von Theartic auf jeden Fall etwas Unerwartbares. Erst recht bei diesem Titel: „Die Welt soll wieder schöner werden!“ Die neue Eigenproduktion der Emder Theatergruppe für Menschen mit und ohne Behinderungen hätte auch eine abgedrehte Komödie werden können. Doch die Darsteller wagen im April im Festspielhaus Mutigeres: ein Stück über den zunehmenden Rechtsruck und die Spaltung der Gesellschaft.

Gefahren für die Demokratie

„Es geht um das Erstarken des Rechtsextremismus, die Parallelen zu 1933 und wie man den Gefahren für die Demokratie begegnen kann“, fasst es die Vorsitzende Ulrike Heymann zusammen, die auch wieder Autorin und Regisseurin ist – die aber nach altem Theartic-Brauch das Ensemble über das Thema des nächsten Projekts hat entscheiden lassen. Und die dann selbst ganz baff war, welche Gedanken den Darstellern zum Titelvorschlag kamen.

„Nach unserem letzten Stück über bezahlbaren Wohnraum, das ja auch eher kein Spaß-Stück war, hätte ich angenommen, dass sich das Ensemble diesmal etwas Leichtes wünschen würde“, bekennt sie. „Doch, Pustekuchen!“ Was die Mitspieler beim ersten Austausch bewegte, waren Themen wie Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.

Die Sorge, wohin dies alles führt, ist angesichts der (längst nicht mehr rein verbalen) Angriffe auf Obdachlose, Queere, Juden, Menschen mit anderer Hautfarbe oder mit Behinderung nicht weniger geworden. Im Gegenteil. „Als ich im Juni 2024 mit dem Schreiben anfing, lag die Zahl derjenigen, die sich vorstellen konnten, eine rechtsextreme Partei zu wählen, noch unter 20 Prozent“, sagt Heymann. „Inzwischen sind es über 25 Prozent.“ Wie schnell sich ein Umbau zu einem faschistoiden System vollziehen kann, sehe man an Ungarn oder den USA.

Zu einer Art Leitgedanken wurde daher die Warnung der verstorbenen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer: „So hat es damals auch angefangen.“ Doch was kann man dem künstlerisch entgegensetzen? Und darf dabei überhaupt noch gelacht werden? „Ja, unbedingt!“, sagt Heymann und zitiert diesmal Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung: „Es gibt Grund zum Pessimismus, Grund zum Optimismus – aber keinen Grund zum Zurücklehnen.“

Genau darum gehe es: „Man kann was tun, man muss was tun.“ Und dabei helfen kann das, wofür Theartic bekannt ist: Probleme auf den Punkt zu bringen. Mit viel Liebe, Ironie, Satire und den Absurditäten der Gegenwart. Daher spielt das Stück auch im Hier und Jetzt. Auf dem Dach.

Zunächst sind es nur drei Leute, die dort zusammenkommen, weil sie sich nach etwas Besserem und Schönerem sehnen. Am Ende sind es viele. „Alles ist vertreten“, sagt Heymann, „vom verträumten Jugendlichen über die frustrierte Hausmeisterin, die queere Investigativjournalistin, die 98-Jährige mit dunklen Erinnerungen bis hin zum sogenannten Neuen Nazi.“

Konflikte sind dabei unvermeidbar. Das Ende des Stücks jedoch, verspricht Heymann, wird überraschen.

Erstmals mit LED-Wand

Auf Überraschungen könnte die Produktion aber schon im Vorfeld stoßen. Zwar laufen die Proben in der Musikschule parallel zur Entwicklung des Stücks schon seit Juni 2024, doch bei der Aufführung im Festspielhaus am Wall wird erstmals mit Videotechnik und LED-Wand gearbeitet. In vielen Szenen kommen Projektionen von Fotos, Filmausschnitten, Videos und Texten zum Tragen. Teils werden diese mit Musik unterlegt, die Heymanns Neffe extra dafür im fernen Hollywood komponiert. Bei der Darstellung hilft eine theaterbegeisterte Mediengestalterin aus Aurich. Trotzdem bleibt das Ganze kniffelig.

„Das Timing zwischen Darstellern, Projektionen und Musik muss stimmen“, sagt Heymann. Der komplette Ablauf kann nur direkt im Festspielhaus geprobt werden. „Dort haben wir aber nur drei Proben – und das vier Tage vor der Premiere.“ Also nicht viel Zeit fürs Feintuning. Aber ein mutiges Experiment mehr.

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