EZ 10.10.2013: Vom Amts wegen plötzlich als „nicht normal” eingestuft

Theartic | zehn. und jetztEmden. In ihrer Freizeit kümmert sich die Sekretärin leidenschaftlich um überzählige Gerätschaften. Der Mittfünfziger teilt ständig mit, wie glücklich ihn nahezu alles macht. Eine Frau schreibt Briefe an jedermann, ohne darauf eine Antwort zu erwarten, und ein junger Mann plant vom Bett aus jede Minute seiner Karriere als Actionheld voraus. Das sind nur vier der zehn „Verrückten” aus dem neuen Theartic-Stück „zehn. und jetzt”, die Autorin und Regisseurin Ulrike Heymann im Pressegespräch nur der Einfachheit halber so bezeichnet. „Eigentlich sind es äußerst liebenswürdige Menschen, die einfach nur ihre Eigenarten nach ihren persönlichen Wünschen und Vorlieben ausleben”, erklärt Heymann.

Die Welt der Protagonisten scheint in bester Ordnung bis auf einmal vier Vertreter vom „Amt für Personen mit besonderen Auffälligkeiten” auftauchen und sie für verrückt und plötzlich „nicht normal” erklären. Binnen einer gesetzten Frist werden die Zehn aufgefordert, ihr Leben so zu ändern, dass es der Norm der Institution entspricht, der die Amtsvertreter hörig sind. „Schnell werden sich die Zuschauer jedoch fragen, wer hier eigentlich nicht normal ist und was das überhaupt bedeutet: normal oder nicht normal sein”, kündigt Heymann an.

Zwei Jahre hat das Theartic-Ensemble für Erwachsene an der Entwicklung des Stücks gearbeitet, das vom Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie sowie der Stiftung Niedersachsen gefördert ist. „Der Zeitrahmen ist eigentlich ganz normal. Nur diesmal mussten wir für ein anderes Projekt parallel auch noch unser vorheriges Stück ‚Die bessere Gesellschaft‘ warmhalten”, beschreibt Heymann die besondere Herausforderung in diesem Jahr. Auch seien diesmal besonders viele Ersatzbesetzungen nötig gewesen. „Ich schreibe den Schauspielern ihre Rollen auf den Leib. Doch bei einigen können wir aufgrund ihrer Behinderung oder fortschreitenden Erkrankung leider nicht davon ausgehen, dass sie alle drei Vorstellungen schaffen”, führt Heymann aus. „Es ist ein Wagnis, aber wir sind guter Hoffnung, dass es klappt.”

Insgesamt werden in diesem Jahr vier Musiker und 22 Schauspieler auf der Bühne stehen – und zwar fast immer alle gleichzeitig. „Diese Form von Theater nennt sich Simultantheater. Sogar die Musiker sind involviert. Sie stehen in der Mitte der Bühne und müssen mitagieren.”

Mit der neuen Theaterproduktion schließt Theartic sein Jubiläumsprogramm zum zehnjährigen Bestehen ab. Im Jahr 2002 gegründet, startete der Verein in 2003 Theaterproduktionen für behinderte und nicht behinderte Erwachsene. 2004 kam Theartic junior dazu und seit 2005 gibt es TheartiChor. „Wir sind in der Emder Kulturlandschaft fest verankert. Viele Leute warten jetzt schon auf das neue Stück”, ist sich Heymann sicher, die wie ihre Kollegen viel Zeit und Mühe in das Stück investiert hat.

Schon hinter dem Titel „zehn. und jetzt” stecken viele Gedanken, erklärte Heymann: „Zum zehnjährigen Bestehen haben wir natürlich mit der Zahl 10 herumfantasiert. Außerdem nutzten wir das Jubiläum als Zeitpunkt zum Orientieren. Das ‚und jetzt‘ steht deshalb ganz bewusst ohne Frage- oder Ausrufezeichen.”

Orientieren müssen sich auch die zehn Protagonisten in dem Stück. Was sollen sie nach der Aufforderung, sich zu ändern, tun? Sich fügen? Widerstand leisten? Flüchten?Antworten darauf geben die Aufführungen am 31. Oktober, 1. und 2. November jeweils um 20 Uhr im Neuen Theater.

► Karten gibt es ab sofort für 10 Euro / ermäßigt 5 Euro im Kulturbüro und bei der Emder Zeitung.

► EZ-Artikel vom 10.10.2013 zum Download: Hier klicken

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