Lauter Wackelkontakte im Zeichen der Liebe (EZ, 04.03.2019)

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Von Karl-Heinz Janssen

Emden. Beziehungen sind wie Kabel. Man muss sie behutsam behandeln, sonst gehen sie kaputt. Und über „Wackelkontakte” darf man sich nicht wundern, die sind ganz normal und unvermeidlich.

Das neue Stück der Emder Theartic-Gruppe um die Autorin und Regisseurin Ulrike Heymann beginnt absichtlich zerfleddert. Nach einer Lesung mit diversen Zitaten von Shakespeare über Kafka bis John Lennon plätschert eine lose Abfolge kurzer Szenen zunächst nur so dahin; wir springen hin und her zwischen Sendeanstalt, Privatwohnungen, Arztpraxis, Stadtpark und Fahrgastschiff. Die elegante Kulissenschieberei zwischendurch – das ganze Regie-Team macht da mit – ist wie eine Demonstration der ehrenamtlichen Theaterarbeit an sich, sehr passend.

Die Herausforderung für die etwa 250 Zuschauer ist groß. Was soll das alles? fragt man sich recht lange. Noch gerade rechtzeitig tauchen erste Querverbindungen auf, beginnt sich aus dem losen Patchwork der einzelnen Szene ein sinnvolles Beziehungsgeflecht zu entwickeln. Eine kleine Welt entsteht.

Verbindungslinien leuchten auf, individuelle Schicksalsschläge erweisen sich als gemeinsame Herausforderungen, isolierte Figuren agieren bald als Teile von Familien und Heimat. Die Zuschauer fangen nun an, sich ihre drängendsten Fragen selbst zu beantworten: Aha, der einsame Alex ist also der Sohn des Intendanten. Und die Psychotherapeutin scheint tablettensüchtig zu sein, sie hat Joachim, den Dealer, damals zur Adoption freigegeben. Und der Kapitän, der Syrer, der ist jetzt ihr Freund; der hat sich ja anfangs mit dem Intendanten gestritten, oder?

Verbundenheit, ohne es zu ahnen

Die ungewöhnliche, unkonventionelle Erzählform zwingt die Zuschauer mitzudenken, sich der Figuren und ihrer Schicksale anzunehmen, sich nicht nur berieseln zu lassen.

Schrittweise bekommen alle Figuren ihre mehr oder weniger festen Plätze. Schließlich sind alle, das wird sehr deutlich, durch ihre Beziehungen mit den anderen verbunden, auch ohne es zu ahnen.

Spätestens als bei den Proben zu einer TV-Show auch noch die Saal-Zuschauer mitwirken können, zeigt sich: Alle und alles wirkt ständig aufeinander ein, nur merkt man das normalerweise als einzelner Mensch nicht. Es sei denn, man sitzt im Theater, mitten in einem Stück. Sehr durchdacht hat Ulrike Heymann ihre Figuren untereinander „verkabelt”, die Dialoge sind durchweg verständlich und sehr anregend.

Alle gehandicapten Darsteller sind optimal in die Handlung eingebettet. Auch kleinste Nebenrollen bekommen durch die Auftritte der Behinderten den unverwechselbaren, authentischen Charme des Einzigartigen.

Herausragend sind die Auftritte von Aiko Boomgaarden und Klaus Baalmann. Beide verfügen über ein sehr starkes Ausdruckstalent. Baalmanns Showmaster wird zur wunderbar absurden Figur, ganz tiefe Gefühle transportieren Annika Wienbeuker und Anke Pfeffer-Lagner. Aiko Boomgaarden geht völlig in der Rolle des Alexander auf, im Netzwerk der Beziehungen ist er der Solist, dessen Sätze uns mit sanfter Gewalt ermahnen („Es gibt auch Leute, die leiden!”) oder erheitern („Hören sie auf mit Frauen!”). Stilvoll und nie billig wirken die Bühnenbilder. Parkbank mit Laterne und Steuerrad und Theke sehen so aus wie bei den Profis.

Die Dialoge verleihen diesem Stück besondere Qualitäten. Blitzschnell offenbart sich das jeweilige Innenleben der Figuren, die Sorgen und Ängste, Schuldgefühle, Sehnsüchte und Bedürfnisse ganz normaler Menschen.

Und natürlich erklingt in Rick’s Bar dann doch noch das ewige Casablanca-Lied, live gespielt von Arne Bohnet, der wie der Souffleur (Malik Meyer) ebenfalls noch zum Teil der Handlung wird. Am Ende ein schönes, klassisches Happy End in einer Produktion, mit der der Theartic-Verein wieder mal seine überragende integrative und künstlerische Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat. Wir erlebten ein wohldurchdachtes, sehr detailgenau umgesetztes, unterhaltsames Stück Laien-Theater. Zwei dutzend Mitwirkende spielten an drei Abenden mit viel Sinn für Humor und Beziehungskummer.

Auch dieses Theartic-Stück hat das Zeug, über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu werden. Für manch eine andere Truppe dieser Art käme ein solches Stück wahrscheinlich wie gerufen, nicht zuletzt wegen der professionellen Textvorlage.

Emder Zeitung vom Montag, 4. März 2019, Seite 6 (5 Views)
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