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Rentnerin gibt mit Mülltonne den Takt an
Vera Vogt
Benefiz Annegret Ernst wollte sich mit Musik fit halten, Theartic hatte genau das Richtige für sie
Ältere Herrschaften haben es in Sachen Musik gerne klassisch und gediegen? Von wegen. Eine Mülltonne ist für Annegret Ernst das
Instrument ihrer Wahl. Wie sie dazu kam, hat die 69-Jährige der OZ erzählt.
Emden – Der Deckel der Mülltonne hüpft durch die Wucht der Schläge auf und ab. Aus dem Probenraum wummert der Bass. Aber
hier probt keine Garagenband, der das Geld für ein Schlagzeug fehlte. Die adrette
69-jährige Annegret Ernst hämmert einen Schlegel im Takt auf den grünen Deckel einer Mülltonne. Wenn man die Dame in ihrem
farblich abgestimmten Outfit sieht, würde man wohl nicht darauf kommen, dass sie sich ein Kehrblech, einen Besen oder eben eine
grüne Mülltonne als Instrument aussuchen würde – aber so ist es.
Annegret Ernst hat mit dem Stomp-Ensemble der Theaterwerkstatt Theartic nach langem Suchen eine passende Gruppe gefunden.
„Ich wollte etwas Neues lernen“, sagt sie. Besonders, weil sie überzeugt davon ist, dass das im Alter fit hält. Aber es sollte nicht
irgendetwas sein: „Der Rhythmus ist meine Leidenschaft“, sagt Annegret Ernst. „Stomp-Musik musste es sein.“ Der Begriff Stomp ist
abgeleitet vom englischen Wort für Fußstampfen. Eine gleichnamige Tanzgruppe gründete diese Musikart im Jahr 1992.
Eingebettet werden die Rhythmus-Musikstücke in Schauspieleinlagen oder Choreographien. Die Instrumente sind
Alltagsgegenstände: Von Fässern, Mülltonnen und Kanistern über Besen, Kehrbleche, Löffel, Schreibmaschinen, Zeitungen und
Bällen kann alles benutzt werden. „Da ist der Fantasie keine Grenze gesetzt. Das schätze ich besonders. Manche Menschen verstehen
die Musik wahrscheinlich nicht“, mutmaßt die ehemalige Lehrerin.
Klassisch und gediegen ist nichts für die Ruheständlerin. Es gab für sie mehrere Gründe eine Mülltonne einem echten Instrument
vorzuziehen: Annegret Ernst hatte sich bereits als Jugendliche vergeblich daran versucht, ein klassischeres Instrument zu lernen. „Da
hatte ich es mit einer Gitarre probiert. Das Üben habe ich ganz schnell wieder an den Nagel gehängt“, sagt sie. Zuhause still und
geduldig Noten zu pauken, das sei nichts für sie gewesen. „Es muss was los sein“, sagt Ernst. „Ich besuche auch seit Jahren Kurse für
afrikanisches Trommeln“, fügt sie hinzu.
Außerdem hat die 69-Jährige ein bestimmtes Konzert restlos aus den Socken gehauen: Vor rund 20 Jahren hat sie die Gruppe Stomp
live gesehen. „Die Musiker hingen an Bauzäunen und haben dagegen getrommelt.“ Das wollte sie auch – „aber ohne die Akrobatik“,
fügt sie lachend hinzu.
Anfang 2016 erfuhr Annegret Ernst dann von
ThearticStomp. „Ich bin sofort eingetreten“, sagt sie. Die Gruppe habe – wie es das Credo von Theartic ist – keine Schwelle. Man
müsse nicht zwingend Noten lesen können oder Vorerfahrung haben. Auch das Alter der Musiker spielt keine Rolle. „Jeder bekommt
Parts, die ihm auf den Leib geschneidert werden“, sagt sie. Es gebe nur eine goldene Regel für jeden: Konzentrieren und den Takt im
Kopf mitzählen.
„Das ist wirklich anstrengend“, sagt Annegret Ernst. Aber so bekomme sie auch den Kopf frei. „Die Gedanken konzentrieren sich auf
den Takt. Dinge, die sonst im Kopf herumgeistern, sind vergessen.“
Wenn man auf Alltagsgegenständen Musik macht, kann man privat dann ein Kehrblech Kehrblech sein lassen? „Ich brauche die
anderen zum Üben meiner Parts. Der Reinfall mit dem Gitarre hat mir das schon gezeigt“, sagt sie. „Außerdem wäre mein Ehemann
wohl nicht begeistert, wenn ich den ganzen Tag herumtrommeln würde“, sagt sie und schmunzelt.